Die große Landschaftsverweigerung
Von KATRIN BETTINA MÜLLER
taz Berlin lokal Nr. 6838 vom 28.8.2002, Seite 25, 153
Ornithologische Notizen: Drei Ausstellungen in Berlin präsentieren
derzeit Künstler, die sich mit dem misstrauischen Verhältnis
des Menschen zur Restnatur auseinander gesetzt haben - nicht als verdrängte
Idylle, sondern als Teil moderner Stadtkultur
Vor fünf Jahren las Tue Greenfort in einem wissenschaftlichen Artikel
einer dänischen Zeitung, dass heute in den Städten mehr Füchse
pro Quadratkilometer leben als auf dem Land. Seitdem ist er den Tieren
im urbanen Raum auf der Spur, fasziniert von ihrer großen Anpassungsfähigkeit.
Aufgewachsen sei er mit Naturfilmen, so der 1973 geborene Däne, die
meistens Schuldgefühle hinterließen: über die Zerstörung
der Umwelt durch den Menschen. Über dieser Katastrophenstimmung gerät
das Naheliegende zu Unrecht völlig aus dem Blick, findet er. Er will
zu einem besseren Verhältnis mit der Natur zu finden, indem er sie
als Teil von Kultur beobachtet. "Wir sind ihnen so nah und verstehen
sie doch nicht", sagt er über die Vögel am Rosa-Luxemburg-Platz.
Dort stellt er bei Johann König aus und hat ein Fernglas und eine
versteckte Kamera zwecks Vogelbeobachtung aufgebaut.
Viel zu sehen ist in Greenforts Arbeiten nicht - die Begegnung mit den
unbekannten Bewohnern unserer Städte finden vor allem im Kopf statt.
Letztes Jahr lenkte er auf der Biennale in Istanbul eine Ameisenstraße
durch einen Ausstellungsraum, indem er mit Futterstellen ihr Informationssystem
manipulierte. Zu einem ähnlichen Trick griff vor zwanzig Jahren Katharina
Meldner auf einem Parkplatz am Berliner Funkturm. Sechs Jahre lang verfolgte
sie dort mit roten und schwarzen Stiften die Hin- und Rückwege der
Ameisen über ihr Zeichenpapier. Die Ameisen führten ihr die
Hand. Die dichten Gespinste der Wege bildeten jeden Tag eine neue und
lebendige Topographie aus.
Meldners "Wege der Ameisen" sind Teil der Ausstellung "Nach
der Natur", die von der Berlinischen Galerie im Kunstforum gezeigt
wird. "Nach der Natur" ist doppeldeutig, denn der Titel kann
sowohl meinen, sich ihren Strukturen zu überlassen wie Katharina
Meldner, als auch, nach ihrem Ende nur noch ihren Verlust beschreiben
zu können. Vor allem ihre Vereinnahmung als Begriff für Etwas,
das unberührt und unschuldig außerhalb der Geschichte bleiben
soll, bilden denn auch oft die Voraussetzung der künstlerischen Haltungen.
Kurt Buchwald zum Beispiel straft den hungrigen Blick des Touristen,
der sich am blauen Meer und grünen Küsten voll saugen will,
mit Landschaftsverweigerung. Mitten in seinen Fotografien leuchtet ein
rotes Schild und verstellt den Raum. Nur an den Rändern lässt
sich noch weniges sehen - und das ist auch schon wieder eine Metapher
für die Verdrängung der Natur.
Durch die Auflösung einer naturwissenschaftlichen Bibliothek kam
Nanne Meyer an alte Karteikarten. In ihren Zeichnungen kommentiert sie
ornithologischen Titel mit einer Phantasie, die eindeutig den Problemen
des Menschseins entspringt. Die Karte "Massensterben von Grünfinken
1939" ist mit grünen Kreuzen zugemalt, Vogelhäuschen stapeln
sich wie Reihenbauten unter dem Stichwort "Siedlungsdichte"
und die Karte über "Das Erscheinen seltener Gänse"
ist einfach leer. Die Erwartung, über die Natur vom Eigenen Abstand
nehmen zu können, und die Enttäuschung, sie dann doch von den
Reflexen der Geschichte besetzt zu finden, zeigt sich in den "Ornithologischen
Notizen".
Lange war das Motiv der Landschaft dem Verdacht ausgesetzt, Idylle lügen
zu wollen. In der Ausstellung "Nach der Natur" taucht das Sujet
nur vermittelt in Zeichnungen (Frank Michael Zeidler) und Videos (Heike
Baranowsky) auf, die vor allem auch die Bedingungen der Bildwerdung thematisieren.
Von dieser Pflicht medienkritischen Bewusstseins losgerissen haben sich
dagegen Künstler der Ausstellung "Ausflug (Exkursion)",
die der Kurator Rüdiger Lange in der Heeresbäckerei zeigt. Sein
Konzept setzt nicht mehr auf die Reaktionen von Verlust und Schock, weil
die zuletzt zur Routine wurden. Gerade dort, wo die Darstellung sachlich
ansetzt, ist die Irritation groß. Nikolas Theilgaard hat Stein,
Wasser und Mauern an Orten fotografiert, die vielmehr dem Eindruck des
Leergeräumten als der Fülle entsprechen. Unheimlich ordentlich
wirken auch die grünen Wiesen und Waldkanten, die Rudolf Stehr gemalt
hat. Bei Maja Rohwetter schließlich quillt Restnatur aus dem Kübel
in der Fußgängerzone, ein Produkt unter vielen in der künstlichen
Angebotspalette. Plötzlich stellt man fest, dass die tradierten Darstellungsmittel
sehr wohl taugen, die Veränderung der Landschaft und unser misstrauisches
Verhältnis zu ihr zu beschreiben.
Tue Greenfort bei Johann König, Weydingerstr. 10, Mitte, bis 18.
September. Nach der Natur, Kunstforum Budapester Straße 35, Charlottenburg,
bis 27. Oktober. Ausflug, Heeresbäckerei, Kreuzberg, bis 14. September.
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