FRISCHER WIND IN STOCKHOLM
aus www.art-magazin.de - 20 / 04 / 2008
KUNSTMARKT - Kunstmessen, Stockholm
von Clemens Bomsdorf
Neue Messen, neue Galerien und Eröffnungen – die Szene für
zeitgenössische Kunst in Stockholm erlebt seit ein paar Jahren einen
neuen Frühling. Das zweite Februarwochenende bot beste Gelegenheit,
die Entwicklung zu inspizieren: Donnerstag bis Sonntag stellten zum
dritten Mal führende nordeuropäische Galerien auf der Messe
"Market"
aus, und dazu fand parallel "Supermarket" statt – eine
Messe mit so
genannten Artist-run spaces. Und als krönender Abschluss fand am
Samstagabend dann die Galerienacht statt. (...)
"I Thought I could organize freedom / How Scandinavian of me"
– Björks einprägsame Liedzeilen über das Wesen der
Nordeuropäer helfen auch am Stockholmer Kunstwochenende einige Male,
Dinge besser zu verstehen. Gleich beim Betreten der beeindruckenden königlichen
Kunstakademie, wo die Stockholmer Messe "Market" auch dieses
Jahr stattfindet, wird den Gästen mit Hinweisschildern erklärt,
dass sie nicht etwa die nächstgelegene Treppe nach oben nehmen dürfen,
sondern erst mal das Untergeschoss durchqueren sollen, ehe sie in die
Etage mit den 30 Ausstellern kommen. So soll wohl der überschaubare
Besucherandrang am Eröffnungstag in organisiertem stetem Fluss durch
die Messe geführt werden.
Angenehmer Nebeneffekt: Die Wahrscheinlichkeit ist recht groß,
gleich als Erstes den Stand der Kopenhagener Galerie Bo Bjerggaard und
damit eine großformatige Arbeit von Sigmar Polke zu sehen. Bo Bjerggaard
vertritt den deutschen Künstler in Skandinavien, und mit einem Preis
von weit über einer Millionen schwedischer Kronen (110 000 Euro)
ist das Werk vermutlich das teuerste der Messe. Nicht minder groß,
aber dafür erheblich preiswerter war die Fotografie eines Waldstücks
des Dänen Per Bak Jensen bei Bjerggaard. Schweden hat, so die einhellige
Meinung der ausstellenden Galeristen, eine relativ breite Sammlerschicht,
die sich auch Hochpreisiges leisten kann und will. Anders als bei den
Messen in Basel, Miami und London bleibt der internationale Jetset in
Stockholm üblicherweise aus. Doch dafür lässt sich am Eröffnungsabend
mit Marcus Wallenberg ein sonst recht öffentlichkeitsscheuer Spross
der wohl einflussreichsten schwedischen Industriellenfamilie blicken.
Das Konzept der Stockholmer Messe ist, nur nordeuropäische Galerien
als Aussteller zu zulassen. Das gibt der Messe international ein klares
Profil. Nicht minder wichtig dürfte dabei gewesen sein, so die Blamage
zu verhindern, verkünden zu müssen, dass sich kaum ein ausländischer
Galerist dafür interessiert, in der schwedischen Hauptstadt auszustellen.
Anders als auf den internationalen Messen, zu denen Sammler aus der ganzen
Welt anreisen, stehen in Stockholm die Kunstliebhaber aus Schweden im
Fokus der ausstellenden Galeristen. Die Künstler aber sind längst
nicht nur lokale Berühmtheiten. Brändström & Stene
und Aerea (beide Stockholm) zeigen beide Arbeiten des seit einiger Zeit
in Südschweden lebenden Amerikaners Clay Ketter, Aerea stellte zudem
Paul McCarthy aus. Ein Heißluftgebläse sorgt dafür, dass
zwei überdimensionierte Buttplugs aus silberfarbenem Stoff in dem
kleinen Messestand von Aerea stramm stehen. Gut zwei Meter dürften
die beiden Objekte groß sein. Nicht nur die heiße Luft, auch
die Tatsache, dass die Buttplugs in Schweden stehen, dem Land, das dem
Klischee nach sexuell am freisten ist, nimmt dem Kunstwerk Kraft. Was
in Basel, wo angeblich so verstockte Amerikaner den Großteil der
Käufer ausmachen mögen, auf der Handoberfläche eines riesigen
Weihnachtsmannes funktioniert, ist in Schweden, wo im Jugendfernsehen
erklärt wird, wie Dildos benutzt werden, langweilig. Mit Nordenhake
und Opdahl nehmen an der Stockholmer Messe auch zwei Galerien teil, die
neben ihren Räumen in Stockholm und Stavanger (Norwegen) auch in
Berlin präsent sind.
Wie auf einer Geburtstagsparty von Dreizehnjährigen
Bei der Alternativmesse "Supermarket", in einer Fabriketage
auf der Insel Kungsholmen gelegen, ist die internationale Präsenz
größer, dort nämlich gibt es die Beschränkung auf
nordeuropäische Aussteller nicht. Gleich am Eingang präsentiert
sich Sculptors Guild aus New York, ein paar Ecken weiter zeigt Lifebomb
aus Berlin unter anderem zwei Leinwände mit dem Antlitz des Gründers
und Besitzers des schwedischen Warenhauses IKEA – so viel Ehrerweisung
an die schwedischen Veranstalter muss sein. Dunk! aus Kopenhagen zeigt
eine Vogelstimmenjukebox des aus Deutschland stammenden Künstlers
Hartmut Stockter – statt unterschiedliche Platten aufzulegen, werden
verschiedene Futtersorten gewählt, um die Singvögel anzulocken,
die die passende Musik machen.
In diesem Jahr sind die meisten Aussteller bei "Supermarket"
zur Petersburger Hängung übergegangen und versuchen so viele
Künstler wie möglich auf den weißen Wänden unterzubringen.
Am Eröffnungsabend werden um halb elf die letzten Gäste aus
der Ausstellungshalle gescheucht, in der Bar Allmänna Galleriet 925,
eine Etage höher, findet anschließend die Eröffnungsparty
statt. Ob es Ironie ist oder ein Versehen, ist unklar, jedenfalls spielt
der DJ, kaum sind alle eingetroffen, erst einmal Phil Collins. Jenen britischen
Musiker, über den der Protagonist und Richard-Prince-Sammler Patrich
Bateman von Bret Easton Ellis "American Psycho" so ausführlich,
wie inhaltsleer faseln kann. Keine anderthalb Stunden später geht
es zu, wie auf einer Geburtstagsparty von reizehnjährigen, wenn die
Mutter kommt, um das Fest zu beenden, ehe es zu wild wird. Es ist ein
Uhr, die übliche Sperrstunde für Bars in Schweden, die Freiheit
hat kurz nach Mitternacht ihre Grenzen. Schnell bilden sich mehrere Künstlertrupps,
die sich noch beim örtlichen Kiosk mit Leichtbier eindecken, um privat
weiter zu feiern – Bier mit gewöhnlichem Alkoholgehalt gibt
es in Schweden nur in speziellen staatlichen Monopolgeschäften, die
nachts selbstverständlich geschlossen haben. Organizing freedom eben.
Zwei Abende später geht es zur Galerienacht, die schwedische Galerienszene
tritt seit vergangenem Herbst geballt in der Straße Hudiksvallsgatan
auf. In einem alten, von Ragnar Östberg entworfenen Industriegebäude
aus roten Ziegel hat sich mittlerweile mehr als eine Hand voll Galerien
angesiedelt. Es ist ein kalter Abend mit Minusgraden, Nordenhake im Erdgeschoss
hat sich drauf eingestellt und bewirtet die Gäste schon vor dem Eingang
mit Glühwein, neben dem Stand stehen Heizstrahler. Unter dem Titel
"Quarry" stellt die amerikanische Künstlerin Helen Mirra
Objekte aus. An mehreren Stellen liegen auf dem Galerieboden fein säuberlich
zusammengelegte Kleidungsstücke und obendrauf ein moosbewachsener
Stein.
Die meisten der Galerien in der Hudiksvallsgatan haben wie Nordenhake
zwischen hundert- und zweihundertfünfzig Quadratmeter Ausstellungsfläche.
Am größten sind mit über fünfhundert Quadratmetern
die Räumlichkeiten von Brändström & Stene, die vor
rund drei Jahren als erste in das Gebiet zogen und die Entwicklung dort
initiierten. Am heutigen Abend zeigen sie Collagen und Malerei von Anja
Finney und Maja Rohwetter. Am beeindruckendsten aber sind die Räume
von Andréhn-Schiptjenko. Den beiden ist es bestens gelungen, den
Fabrikcharakter der Räume zu erhalten und gleichzeitig einen Ausstellungsort
zu schaffen, der erlaubt, sich auf die Kunst zu konzentrieren. Gezeigt
werden Arbeiten des Schweden Martin Jacobson. Er stellt Zeichnungen aus,
die vor märchenhaften Motiven nur so strotzen und in zwei Glaskästen
dazu Fotos, die er auf einem Berliner Flohmarkt gekauft hat und die einen
Mann zeigen, der sich in der ostdeutschen Provinz wieder und wieder selbst
fotografiert hat.
Bereits im Frühjahr plant mit Andersson Sundström die nächste
Galerie in die Hudiksvallsgatan zu ziehen, nach einigen ruhigen Jahren,
wird Stockholm also in Veränderung bleiben.
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